„Diese Power hat sie von ihrer Oma!“

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Wieviel Kraft Enkel von ihren Großeltern bekommen – und was die Eltern dazu können


Vor ein paar Jahren lernte ich Jenny bei meinen Eltern im Haus kennen. Damals ahnte noch keiner etwas von ihrer mittlerweile berühmten Enkelin Jamie Lee. Die Ähnlichkeit der beiden fiel mir jetzt aber sofort auf: Gleiche Mundpartie und diese bewundernswerte Energie. Als Coach frage ich mich: Was nehmen wir Enkel von unseren Großeltern mit? Und was haben die Eltern damit zu tun?

 

Die Oma ist die Beste, richtig?

Oder der Opa: Auf jeden Fall nicht die eigene Mutter oder der Vater. Meine Erfahrung ist: Wer als Enkel etwas will, richtet sich lieber an die Großmutter oder den Großvater als an die eigenen Eltern. Denn die können streng sein. Und manches, was die Eltern in ihrem Leben gemacht haben, oder wie sie es gemacht haben, behagt uns vielleicht gar nicht.

Die Großeltern hingegen gelten häufig als Quelle der Kraft und Inspiration: Sei es Selbstbewusstsein, seien es Talente – es gibt viel, was wir Enkel in ihnen sehen und bei uns wiederfinden!

 

Vorbild Großeltern – da stimmt die Verbindung

Jenny, heute um die 65 Jahre alt, hat sich im Leben durchgekämpft: Allein erziehend, dazu ein Fulltime-Job als Führungskraft – da musste frau sich durchsetzen. Gerade im letzten Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit.
Klare Ansagen, Humor und Wissen um die eigenen Stärken haben ihr dabei geholfen. Dazu ein wertschätzender Blick auf Andere: Auch für mich hatte sie stets Anerkennung parat: „Das ist aber toll, was du aus dem Nichts aufgebaut hast!“, sagte sie neulich über unsere Firma. Das sind Momente, wo ich sie gern als Ersatz-Oma haben würde. Denn meine eigene Großmutter (die Mutter meiner Mutter), die mich auch stärkte, lebt schon lange nicht mehr. Und meine Mutter hatte wenig Blick für meine beruflichen Tätigkeiten.


 

Beziehung zu den Großeltern als Chance

Vielleicht stellt ihr euch auch die Frage: Wie kann ich mein Verhältnis zu den Eltern verbessern? Oder zumindest klären? Bei Töchtern geht es oft um die Mutter, bei Söhnen um den Vater.

 

Bei Christopher Bodirsky, Coach & Trainer und mein Ausbilder in Sachen Strukturaufstellungen in Hannover, gibt es ein schönes Format, um die Verbindung zu den Eltern und Großeltern zu stärken. Er hat das „Generationendreieck“ in der Strukturaufstellung entwickelt.

Meine Erfahrung: Es funktioniert prima. Ihr könnt es auch mal im Kopf, vor eurem geistigen Auge ausprobieren, wenn ihr mit euren Eltern nicht immer ganz grün seid.

 

Am eigenen Beispiel erläutere ich es euch hier:

  • Vor meinem geistigen Auge stelle ich mir gegenüber meine Oma vor, in einer passenden Entfernung. Rechts davon platziere ich, etwas an der Seite, meine Mutter. Beide schauen mich an.
  • Zu meiner Oma sage ich: „Meine Kraft, mein Durchsetzungsvermögen, meine Kreativität, das alles habe ich von dir bekommen.“
  • Die Oma freut sich – das sehe ich an ihrem Gesichtsausdruck, an ihrer Freude. Und sie bestätigt es mir auch: „Das stimmt, das hast du von mir“.
  • Wir beide bekräftigen uns noch ein paar Mal: Es flutscht zwischen Oma und Enkel.
  • Ich sehe aus dem Augenwinkel rechts, wie meine Mutter sich ausgeschlossen fühlt. Geschieht ihr recht, denke ich als Klientin, sie ist ja auch nicht mit im Spiel.
  • Aber jetzt kommt die Überraschung: Meine geliebte Großmutter zeigt auf meine Mutter (also ihre Tochter) und sagt zu mir „Und alles, was du von mir bekommen hast, hast du über deine Mutter, meine Tochter erhalten!“
  • Das glaube ich einfach nicht. Was sagt sie da? Es muss erst ein paarmal wiederholt werden, bis es bei mir ankommt.
  • Aber rein biologisch hat sie Recht. Ich bestehe ja rein physikalisch zu 50 % aus meiner Mutter – und sie zu 50 % aus ihrer Muter.
  • Meine Oma holt meine Mutter ein bisschen zu sich ran, sodass wir ab jetzt ein Dreieck bilden.
  • Mir beginnt es zu dämmern: Aha, es stimmt. Es dauert noch einen Moment und meine Oma muss den Satz noch mal wiederholen. Aber ich beginne zu erspüren – ja, meine Mutter und ich, da gibt es auch eine Verbindung.
  • Noch ist es gut, dass der Abstand zu meiner Mutter so bleibt wie er ist. Doch die grundsätzliche Verbindung steht; die Akzeptanz ist größer als vorher: Auch wenn sie ihr Leben anders gelebt hat als ich (sie ist mittlerweile gestorben). Sie gehört doch zu mir; ich gehöre zu ihr – und das ist ein schönes Gefühl!

 

Zu wissen, woher man kommt, wo man zugehört und woher man seine Stärken hat, ist eine wunderbare Sache: Vielleicht probiert ihr das kleine Gedankenspiel einmal aus? Viel Freude und bis zum nächsten Blogeintrag!

About Gudrun Jay-Bößl

Gudrun Jay-Bößl, Heilpraktikerin für Psychotherapie, systemischer Coach und NLP-Master. Lösungsorientiert, pragmatisch und humorvoll. Mit innovativen Methoden aus der Kurztherapie auf zu neuen Möglichkeiten für die KlientInnen.