EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)

„Traumatisierte geraten in Situationen, die zum Leben nicht mehr geeignet sind,“ schreibt der Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Reinhard Plassmann, in „Die Kunst des Lassens“ (Gießen, 2010, S. 22) und nennt dies die wohl kürzeste Definition eines Traumas.

Menschen haben grundsätzlich die Ressourcen, emotionale Belastungen zu überwinden. Nach einer Traumatisierung wirken die emotionalen Belastungen aber wie eine Starre oder Blockade. Im Gehirn spaltet sich dieser emotional verletzte Teil ab; die Erfahrung wird nicht nach und nach verarbeitet, sondern bleibt bestehen. Die Menschen erleben das Traumatisierende wieder und wieder.

Gibt es z.B. bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), einen ähnlichen Reiz, und sei es auch nur eine Alltagssituation, die emotional in die Richtung einer Verletzlichkeit geht, taucht das Trauma unverarbeitet und oft genauso heftig wieder auf. Hier setzt EMDR an und sorgt für die Verarbeitung – u.a. durch bilaterale Körperstimulation, d.h. zum Beispiel Hin- und Herbewegungen der Finger der Therapeutin vor den Augen des Klienten. Auf Deutsch bedeutet EMDR: Desensibilisierung und Neubearbeitung mit Augenbewegungen.

 

Entstehungsgeschichte von EMDR

Die amerikanische Ärztin Dr. Francine Shapiro entdeckte 1987 bei ihrem legendären Spaziergang durch ein Birkenwäldchen zufällig, dass ihre persönlichen, belastenden Gefühle und Gedanken nach raschen Rechts-links-Augenbewegungen verschwanden. Ihr wurde klar, dass dieser Reorganisationsprozess von sich selbst aus geht. Die Blockade wurde gelöst; ein Heilungsprozess angestoßen. Dieser Prozess, so stellte sich heraus, wirkt am besten, wenn der Moment mit der höchsten emotionalen Belastung fokussiert wird.

Francine Shapiro arbeitete ab 1989 zuerst mit den traumatisierten Kriegsveteranen, die aus Vietnam in die USA zurückgekommen waren. Die Menschen, die jahrelang unter Albträumen, Schlafstörungen, Arbeits- und Beziehungsproblemen und Abhängigkeiten (Drogen, Alkohol) gelitten hatten, erlebten z.T. nach einer einzigen EMDR-Sitzung „ein stabiles Verschwinden des subjektiven Angst- und Belastungsniveaus sowie der klinischen Symptomatik“ (Plassmann, a.a.O., S. 23). Die posttraumatische Belastungsstörung war weg. Man kann sehen: Der Mensch ist in der Lage, sich psychologisch in seinem biologischen System selbst neu zu organisieren: mit EMDR.

 

EMDR ist die klassische Traumatherapie-Methode

EMDR ist also eine Methode, mit der traumatische, eingefrorene Erinnerungen und starre Verhaltensmuster schnell verarbeitet werden können. Die neurologischen Bahnen werden neu vernetzt. Das Trauma, wenn man es sich wie einen Berg aus Steinen vorstellt, wird Stein für Stein abgebaut.

Heute ist EMDR „die“ klassische Methode der Traumatherapie. Obwohl es eher eine „technische“ Methode ist, sollte der therapeutische Rahmen auf jeden Fall stimmen: Denn das Gefühl von Sicherheit und Stabilität sind für den Klienten die Basis, um sich überhaupt so weit zu öffnen, dass er sich mit dem Trauma auseinandersetzen will. Als Therapeutin braucht es also neben der Beherrschung des EMDR-Prozesses eine wertschätzende, achtsame Haltung und eine genaue Beobachtungsfähigkeit, um den Klienten, die Klientin behütet gut zu begleiten und durch den EMDR-Prozess zu führen. Hier berühren sich die humanistische Gesprächspsychotherapie von Carl Rogers und auch das Neurolinguistische Programmieren mit EMDR: Das vielseitige Therapieverfahren lässt sich wunderbar mit diesen Methoden kombinieren.

 

Meine Erfahrungen mit EMDR

Auch ich habe erlebt, wie schon nach kurzer Zeit, manchmal in einer oder zwei Sitzungen, ja sogar kurzen Momenten, eine spürbare Verbesserung auftrat: Die Klientinnen und Klienten richten sich auf, erleben ihr Körperempfinden ganz anders, sind gestärkt und klar – und sie kommen zu selbstbewussten, positiven Überzeugungen über sich selbst. Manche erinnerten sich nicht einmal mehr an die negative emotionale Situation – sie könnten distanziert darüber berichten, ohne innere Betroffenheit.

Manchmal ergänze ich EMDR durch eine Weiterentwicklung – das Brainspotting. Hier wird auf einen bestimmten Punkt vor den Augen der Klientin/des Klienten fokussiert. Es ist die Stelle, wo der Zugang zu den belastenden Gefühlen visuell verortet ist. Das zu bewältigende Trauma wird durch diese Konzentration auf den Spot nach und nach verarbeitet.

 

So funktioniert EMDR:

  • Ein mentaler „sicherer Ort“ wird eingerichtet – eine Ressource, zu der die Klientin jederzeit zurückkehren kann. Hier bauen wir Sicherheit und Stabilität auf.
  • Dann wird vorab ein Lösungsbild erarbeitet, eine genaue Vorstellung vom Ziel: Was ist, wenn das Problem weg ist, was glaubt und fühlt die Klientin dann?
  • Ausgehend von der Vorstellung des belastenden Erlebnisses, der schlimmsten Situation verarbeitet der Klient dann seine Erfahrung. Dazu bewegt die Therapeutin ihre Hand nach rechts und links vor den Augen des Klienten. Er folgt der Hand mit Augenbewegungen nach rechts und links. Man kann das auch mit Rechts-Links-Tappen auf die Knie oder in die Handinnenflächen machen. Während dieses Verarbeitungsprozesses achte ich darauf, dass die Klientin sozusagen mit einem Bein im Hier und Jetzt bleibt, damit das Erlebte nicht zu heftig wird und mit dem anderen Bein erlebt sie (kurz!) die Emotionen des Negativen – und fängt jetzt an, es zu verarbeiten. Sie ist sozusagen zugleich in einer Beobachterrolle und „drin“ in der emotionalen Vergangenheit. Durch das Hin- und Her der Augen bzw. das Tappen verändert sich die Wahrnehmung des Erlebens direkt – und manchmal sehr schnell.
  • Klientin und Therapeutin halten hin und wieder an, sichern das Verarbeitete und arbeiten so lange, bis die physiologische Erregung und die negativen Glaubenssätze über sich selbst vollständig weg sind – und der Lösungssatz (z.B. „Ich bin frei und darf entscheiden“) erreicht ist.
  • Der neue, ressourcenreiche Zustand wird verankert.
  • Die Klientin weiß jetzt und spürt: Die Vergangenheit war schlimm, aber ist jetzt und ist vorbei.

 

In welchen Situationen bzw. bei welchen Belastungen kann EMDR helfen?

Es gibt sehr viele Einsatzbereiche im Lösungsfokussierten Coaching, Business-Coaching, der Therapie und der Persönlichkeitsentwicklung: Z.B. bei PTBS, bei Trauer und Verlusten, Ängsten, wenn es um die Bewältigung von Krankheiten geht, bei Selbstwert-Problematiken, bei Sucht, Leistungsblockaden und anderen psychischen Belastungen.

Kontraindiziert ist EMDR z.B. bei Augenerkrankungen, akuten psychotischen Syndromen, Epilepsie und geringer körperlicher Belastbarkeit. Ich habe EMDR bei Barbara Lerch gelernt.

EMDR setze ich in erster Linie bei Themen rund um Traumatisierungen ein.

Traumatherapie

About Gudrun Jay-Bößl

Gudrun Jay-Bößl, Heilpraktikerin für Psychotherapie, systemischer Coach und NLP-Master. Lösungsorientiert, pragmatisch und humorvoll. Mit innovativen Methoden aus der Kurztherapie auf zu neuen Möglichkeiten für die KlientInnen.